Altertümliche sakrale litauische Volksbildhauerei (aus den Fonds des Landsmuseums Rokiškis)

     Rokiškis    

          Eine der ausdrucksstarksten Arten der traditionellen litauischen Volkskunst war die Bildhauerei. Die Statuen von verschiedenen Heiligen waren für Denkmäler der kleinen Architektur bestimmt: für Kreuze, Dachstäbe und Stabkapellen. Die Denkmäler wurden auf dem Gehöft (am Haus, im Blumengarten oder am Tor) oder in dessen Nähe, auf den bestellten Feldern aufgestellt. Abgelegene Orte, wo man sich verlaufen konnte, sumpfige, verlassene Gegenden oder Orte, an denen jemand gestorben ist, wo man sich unbehaglich fühlt, werden ebenfalls mit Denkmälern gekennzeichnet, um böse Geister zu vertreiben und Menschen vor Unglück zu schützen. Die Themenwahl für die Skulpturen hing oft vom Grund und von der Intention zum Bau des Denkmals ab, meistens waren es Schutz und Fürsorge.
          Die im Landesmuseum Rokiškis aufbewahrte Kollektion alter Volksskulpturen ist recht umfangreich und wertvoll – ca. 170 Exponate. Der Großteil von ihnen erreichte das Museum vor dem 2. Weltkrieg. Ungefähr die Hälfte wurde aus verschiedenen Orten des Bezirks Rokiškis zusammen getragen. Die älteste Skulptur in der Sammlung – „Christus nach der Wiederauferstehung“, wurde im 17. Jh. geschaffen.
          In der Sammlung des Museums sind die Themen von Jesus (der Gekreuzigte, Jesus von Nazaret, Christus), des Hl. Johannes des Täufers, des Hl. Johannes Nepomuk und der Hl. Jungfrau Maria vorherrschend. Weibliche Heilige kommen in den Werken der litauischen Volkskunst viel weniger vor als Männer. Das beliebteste Sujet ist die Hl. Jungfrau Maria. Maria wurde um Gesundheit und Erleichterung des Lebensschicksals angebetet. In der litauischen Volkskunst sind die folgenden Sujets am häufigsten anzutreffen: Maria Mutter der Barmherzigkeit, Maria die Gnädige, Maria die Schmerzhafte, die Pietà. Letzteres ist am meisten verbreitet. Maria wird im Sitzen abgebildet, auf den Knien hält sie den verstorbenen Christus, ihr gekröntes Haupt ist von einem Heiligenschein, einem Nimbus aus sieben Sternen, umgeben, das Flammende Herz ist von sieben Schwertern durchdrungen.
          Der Hl. Johannes Nepomuk ist einer der beliebtesten Heiligen. Er wird in Mönchskleidung, mit einem Kreuz und einem Palmzweig in der Hand dargestellt. Sein Haupt ist von einem Nimbus aus fünf Sternen umgeben. Seine kleinen Kapellen wurden am Wasser aufgestellt.
          Der Gekreuzigte wurde von den Volksmeistern entblößt, mit Dornenkranz auf dem Haupt und mit Bluttropfen am Körper dargestellt.
           Jesus von Nazaret ist eine Christusfigur in langem rotem Gewand, mit Dornenkranz auf dem Haupt, mit zusammengebundenen Händen und einer Tafel um den Hals.
          Im Sujet der Taufe Jesu werden meist zwei im Wasser stehende Figuren dargestellt: der Hl. Johannes der Täufer gießt das Wasser auf das Haupt Christi, in der linken Hand hält er ein Kreuz aus Schilfrohr.
          Der Hl. Johannes der Täufer wird auch allein dargestellt. Er ist in eine Tunika aus Fell gehüllt, hält ein Kreuz an einem dünnen, langen Stab. Die kleinen Kapellen mit seinem Bildnis standen meistens am Wasser.
          Es werden auch andere Heilige wie der Hl. Kasimir, der Hl. Antonius und der Hl. Georg abgebildet... Ebenso Kreuze und Gekreuzigte. Das Kreuz ist eines der ältesten Symbole auf der Welt. Es symbolisiert die vier Himmelsrichtungen, die Beziehung zwischen Himmel und Erde. Es ist ein Scheideweg, auf dem ich die Wege von Leben und Tod überschneiden. Das Kreuz der Christen, das auch lateinisches Kreuz genannt wird, symbolisiert die Qual und die Erlösung Christi. Es ist das grundlegende Symbol des Christentums.
          Die alten Volksschnitzer hüten noch viele Geheimnisse. Es konnten nur etwas mehr als zehn Autoren der Skulpturen ermittelt werden – und oft sind es nur Familiennamen, da die Namen nicht überliefert sind. Sie wurden von Volksmeistern geschaffen, die in Litauen traditionell Gottbildkünstler genannt werden. Sie stammten meistens von Bauern ab. Sie besaßen kein eigenes Land, unterhielten Kleingewerbe, reisten von Dorf zu Dorf auf der Suche nach Aufträgen für Schnitzereien. Die Gottesbildkünstler hatten nichts studiert, waren meistens Analphabeten oder konnten nur schlecht schreiben. Selbst zum Schreiben ihres Familiennamens auf der Schnitzerei waren sie nicht in der Lage. Auf einigen Kreuzen ist jedoch das eingeritzte Datum erhalten. Die Hauptquellen der Werkschöpfung der Gottesbildkünstler waren die in Kirchen betrachteten Heiligenskulpturen oder Illustrationen in Gebetsbüchern und ihre eigene blühende Fantasie.


© Rokiškio krašto muziejus